Amriswil geht auf Medaillenjagd

17.04.2009 14:04 von Roger Häni, St. Galler Tagblatt

Weltmeister-Physio: Mit einem T-Shirt haben sich die Bob-Cracks bei Max Hermann bedankt. Bild: Roger Häni
Weltmeister-Physio. Bild: Roger Häni

Physiotherapeut Max Hermann möchte Bob-Anschieber Roman Handschin an den Olympischen Winterspielen 2010 in Kanada zu Edelmetall verhelfen. Es wäre ein weiterer Markstein in einem erstaunlichen Leben, das in Sibirien begann.

Zwölf Wochen lang begleitete Max Hermann die Schweizer Bob-Nationalteams bei ihren internationalen Einsätzen und trug mit seinen kräftigen Händen zum Weltmeistertitel von Ivo Rüegg und Cédric Grand bei. «Ich brachte grosse Opfer, um die ganze Saison dabei zu sein», sagt der Physiotherapeut von der «Wohlfühlpraxis» in Amriswil. Die Trennung von Sohn und Freundin sowie die finanziellen Einbussen in der Praxis wurden kompensiert durch den grossen Zweierbob-Erfolg in Lake Placid. «Mir liefen die Tränen runter als Ivo und Cédo als Weltmeister ins Ziel fuhren», beschreibt Max Hermann seine Gefühle. Sportlich wie privat habe Rüegg zuletzt Tiefschläge erlitten, so dass ihm der Titel besonders zu gönnen sei. «Noch immer zittert mein ganzer Körper, wenn ich das Weltmeister-Video auf YouTube anschaue, obwohl ich es schon hundertmal gesehen habe.»

Auch psychologisch gefragt


Um sie beweglich zu machen, behandelt Max Hermann die Körper der Schweizer Bob-Cracks auf einer einfachen Matte, statt einer Liege wie die Physiotherapeuten der anderen Nationen. Eine Technik, die er während der Saison entwickelt habe. Die Sportler hätten manchmal geschrien und er selbst dabei «geschwitzt wie ein Viech», sagt er. Doch war Hermann («Ich bin das legale Doping.») diesen Winter auch als Psychologe gefordert. Sei ein Athlet nicht ganz fit, müsse man entscheiden, ob man ihn bis aufs Äusserste motivieren oder ihm von einer Teilnahme am Rennen abraten solle. «Hört er von mir die Worte <Deine Hüfte ist sicher, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Geh raus und gib dein Bestes>, kann er bis zu 20 Prozent mehr Leistung abrufen», ist der Physiotherapeut überzeugt.

Einer von ihnen

Als Wertschätzung für seine Dienste hat Max Hermann ein T-Shirt mit den Unterschriften aller Teammitglieder erhalten. «Herzlichen Dank dem Weltmeister-Physio», steht darauf geschrieben. Der Amriswiler ist sichtlich stolz darauf. Ja, er bewundere die Bob-Athleten, könne ihnen aber auch einmal einen «Arschtritt» verpassen, wenn es nötig sei. Unmittelbar vor einem Wettkampf wolle ein Sportler allerdings in Ruhe gelassen werden, weiss der frühere Nationalliga-A-Volleyballer. Er halte sich dann einfach in der Nähe auf, um sofort zur Stelle zu sein, wenn er gebraucht werde.

Ganze Familie in einem Zimmer

Ob er auch nächste Saison mit den Schweizer Teams im Weltcup unterwegs sein wird, weiss Max Hermann, der mittlerweile selbst viermal eine Bobbahn runtergefahren ist, noch nicht. Dies hängt von verschiedenen Faktoren ab. Sicher werde er dem Weltmeister-Team in der Sommer-Vorbereitung wieder als «Privat-Physio» zur Seite stehen. Auf Hermann aufmerksam wurde Rüegg in einem Trainingslager in Ovronnaz, als er wegen einer akuten Achillessehnen-Entzündung kaum mehr gehen, nach drei Tagen Physiotherapie aber wieder Sprints hinlegen konnte. «Ich hatte mich in den drei Tagen voll ins Zeug gelegt», sagt Max Hermann, der damals eigentlich nur den Amriswiler Anschieber Roman Handschin (WM-6. in Rüeggs Viererbob) begleitet hatte.

Seit bald drei Jahren behandelt der eine Amriswiler den anderen – kostenlos. Das seien für ihn keine einfachen Jahre gewesen, sagt Max Hermann. Familie, Schritt in die Selbständigkeit, Volleyball auf hohem Niveau (bis zu seiner Knieverletzung) – «auf Dauer kannst du das nicht kombinieren». Doch ist der 30-Jährige dankbar für das, was er heute hat. Als Kind eines deutschen Vaters und einer russischen Mutter hat er schon ganz anderes erlebt. «In Russland war ich ein Deutscher und in Deutschland ein Russe.» 13jährig zog er mit seiner Familie aus dem Süden Sibiriens nach Deutschland. Und dies trotz Hausverkauf mit fast leerem Portemonnaie: Inflation lässt grüssen. Hermann erinnert sich daran, wie sein Vater auf einen Tip hin 800 Kilometer unter die Räder nahm, um in einem Wald Hochprozentiges gegen Holz zu tauschen. «Wodka war damals in Russland die zweite Währung.» In Deutschland lebte die Familie anfänglich zu viert in einem Zimmer. Dass er sich – dank positiven Denkens – von ganz unten hochgearbeitet und sich schon mehrere Träume erfüllt hat, macht Max Hermann stolz.

Gönnerclub gegründet

An Visionen mangelt es dem Physiotherapeuten nach wie vor nicht (siehe Kasten), im Moment haben Roman Handschin und er aber vor allem ein Ziel vor Augen: Olympia 2010 in Vancouver. Als Motivation dient den beiden Amriswilern unter anderem ein riesiges Kanada-Poster im Trainings-/Behandlungsraum in der «Wohlfühlpraxis». Um dem Duo finanziell unter die Arme zu greifen, kann man jetzt einem Gönnerclub beitreten. Motto: «WIR gehen auf Medaillenjagd». Ausser einer Erwähnung auf der Website des Bob-Athleten erhält der Gönner keine direkte Gegenleistung. «Wenn Amriswil eine Olympia-Medaille gewinnt, können wir uns aber alle freuen», sagt Max Hermann.
Mehr Infos: www.die-physiopraxis.ch


Stichwort
Russen-Tourismus ankurbeln

«Der Physio kommt»: Mit mobiler Massage stiess sein Bruder Waldemar in Deutschland auf ein Bedürfnis, ganz neu bietet auch Max Hermann diesen Service an. Doch der gebürtige Russe hat noch ganz andere Ideen: Er möchte den Russen-Tourismus in Amriswil ankurbeln. ... »


Erschienen im St. Galler Tagblatt und online unter
http://www.tagblatt.ch/lokales/thurgau/tb-am/Amriswil-geht-auf-Medaillenjagd;art206,1294113

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